In dieser Not rief Meleagros die berühmtesten Helden aus ganz Griechenland zusammen, vor allem jene, die gleich ihm den Argonautenzug mitgemacht hatten, und bat sie, gemeinsam mit ihm dem Eber auf den Leib zu rücken. Auch die heldenmütige Jungfrau Atalante lud er ein. Sie war die Tochter des Königs lason von Arkadien, der sie gleich nach ihrer Geburt im Walde ausgesetzt hatte, aus Enttäuschung darüber, dass ihm kein männlicher Nachkomme beschieden war. In der Wildnis aufgewachsen, von Jägern gefunden und erzogen, war das Mädchen selbst eine tüchtige Jägerin geworden, die nichts von einem Manne wissen wollte. Jeden Freier wehrte sie von sich ab, und zwei Kentauren, die ihr in der Einsamkeit nachstellten, hatte sie durch Pfeilschüsse erlegt. Sie kannte nur eine Liebe, die Liebe zur Jagd, und diese trieb sie nun auch in die Gemeinschaft der Helden, die den schrecklichen Eber töten wollten.
Atalante trug das schlichte Haar zu einem Knoten gebunden. Ober ihren Schultern hing der Köcher aus Elfenbein, den Bogen hielt sie in der Linken, und ihr Gesicht mit den kühn blitzenden Augen glich eher dem eines Knaben als dem Antlitz eines Mädchens.
Als Meleagros Atalante in ihrer Schönheit erblickte, sagte er bei sich selbst: "Sie schreitet einher wie die jungfräuliche Artemis selber. Glücklich der Mann, den diese Frau zum Gatten erwählt!" Dann raffte er sich auf und gab das Zeichen zum Beginn der Jagd.
In breiter Linie durchschwärmten die Jäger ein uraltes Gehölz, das sich aus der Ebene einen Berghang hinanzog. Sie stellten Netze auf, ließen die Hunde los und folgten der Fährte des Untiers. Tief hatte ein Wildbach ein abschüssiges Tal ausgewaschen, in seinem Abgrund wucherten Binsen, Weidengebüsch und Schilf. Hier lag der Eber im Versteck, hier jagten die Hunde ihn auf, dass er, wie ein Blitzstrahl die Wetterwolke, das Gehölz durchbrach und sich wütend mitten unter die Feinde stürzte.

Die Jünglinge schrien laut auf und hielten ihm die eisernen Spitzen ihrer Speere entgegen - aber das Untier wich aus, durchbrach eine Koppel von Hunden und wurde von den nachfliegenden Speeren nur gestreift. Voll Grimm kehrte es um und flog nun wie ein von der Wurfmaschine geschleuderter Felsblock in die rechte Flanke der Jägerlinie. Drei Männer verwundete es tödlich, ein vierter - es war der später so berühmte Held Nestor, König von Pylos - rettete sich in die Äste eines Eichenbaumes, an dessen Stamm der Eber nun mit funkelnden Augen und dampfender Brust seine schrecklichen Hauer wetzte, als könnte er damit die Eiche zu Fall bringen. Da sprengten, hoch auf schneeweißen Rossen sitzend, Kastor und Polydeukes, die Dioskuren, herzu und hoben die Speere zum tödlichen Wurf. Aber im selben Augenblick ließ das Ungeheuer vom Baume ab und flüchtete in unzugängliches Dickicht.