Die beiden Dioskuren
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Der Raub der Bräute war bald entdeckt. Zornig schwang sich Lynkeus auf den höchsten Gipfel des Taygeton und durchspähte mit seinen scharfen Augen die ganze Peloponnes; nichts blieb ihm verborgen, durch Fels und Holz drang sein Blick bis an die Küste des Meeres, und schon nach kurzer Zeit hatte er die Dioskuren in ihrer hohlen Eiche entdeckt. "Da sitzen die Buben im Stamm und wähnen, uns täuschen zu können!" rief er seinem Bruder Idas zu. "Auf, lass uns hinschleichen und sie mit der Wurflanze aus dem Neste stöbern!"
Idas packte seinen mächtigen Speer und schlich, von Lynkeus geleitet, durch Täler und Wälder. Als sie vor der Eiche angelangt waren, hob er die Waffe und schleuderte sie mit aller Kraft in den Stamm. Grässlich schrie Kastor auf, die furchtbare Spitze hatte ihm die Brust durchbohrt, blutüberströmt sank er in sich zusammen. Rasend vor Rachegier verließ Polydeukes den Baum und stürzte sich mit Eberstärke auf die Feinde. So wuchtig drang er auf sie ein, dass ihm die Aphariden alsbald den Rücken kehrten und in wilder Flucht davonstoben bis zum Grabe ihres Vaters: des Toten Geist sollte ihre Kräfte mehren.
Als Polydeukes sie einholte, riss Idas den Grabstein aus dem Boden und schleuderte ihn dem verwaisten Dioskuren an die Brust, aber der unsterbliche Zeussohn stand unerschüttert. Dann rannte er dem Lynkeus die Lanze in die Weichen. "Erlisch, verfluchtes Späherauge", rief er. "Und nun zu dir, Mörder meines Bruders!"
Damit wandte er sich von dem Sterbenden ab und stürzte auf Idas zu, auch dessen Seele zum Hades zu schicken. Es war ein grauenhafter Kampf, der da begann, nur mit äußerster Mühe konnte Polydeukes dem Gegner standhalten. Doch als dieser gerade wieder einen riesigen Felsblock aufhob, um ihn Polydeukes ans Haupt zu schmettern, griff Zeus selbst in das Ringen ein: er sandte seinem Sohne einen Blitz zu Hilfe, der flammend niedersauste und den sterblichen Idas im Nu zu schwarzem Staub verbrannte. Als finstere Wolke schwebte er eine Weile über dem Kampfplatz, verzog sich allmählich und entschwand bald völlig.
Nun eilte Polydeukes, nachdem er ein dankbares Stoßgebet zum Olympos emporegesandt hatte, zu jenem Eichbaum zurück, wo er Kastor noch nicht tot, aber mit Thanatos, dem Todesengel, ringend fand. Da stürzte er neben dem Röchelnden nieder, umschlang den zuckenden Leib und flehte zu Zeus: "Oh Vater, der du in ewiger Heiterkeit über den Wolken thronst, wie soll ich weiterleben ohne
das Liebste, das ich habe? Nimm die Unsterblichkeit von mir und lass mich mit Kastor vereint zum Hades niedersteigen!"
"Deine Unsterblichkeit kann ich dir nicht nehmen, denn du bist mein Sohn", sprach Zeus, auf goldenem Strahle herniederschwebend , "auch kann ich sie Kastor, dem Sohne eines Sterblichen, nicht verleihen. Doch stelle ich es dir frei, fortab als Gott unter Göttern in ewiger Jugend die Höhe des Olympos zu bewohnen oder abwechselnd an deines Bruders Seite einen Tag bei den Schatten, den anderen im Himmel zu verbringen. Willst du dieses, so werde ich Kastor mit neuem Augenlicht und neuer Stimme begaben und seine Wunden heilen."
Freudig entschied sich Polydeukes für die zweite Möglichkeit, und Zeus erweckte Kastor zu neuem Dasein. Eng umschlungen und glücklich versanken die Brüder ins Reich des Todes, am nächsten Tage aber stiegen sie ins Reich des Lichtes auf, und so fort durch alle Zeiten, ein herrliches Bild unwandelbarer Bruderliebe, im Tode genauso unzertrennlich wie im Leben. Als leuchtendes Doppelgestirn sahen die Menschen Kastor und Polydeukes über den nächtlichen Himmel wandern. Und geriet ein Schiff in Seenot, so riefen die Matrosen die Dioskuren zu Hilfe, und sie schwebten über das von Gewittern aufgewühlte Meer herzu, erschienen den flehenden Männern in einem milden bläulichen Geisterlichte, das die Segelmaste umflackerte, und brachten das Fahrzeug ohne Schaden in den sicheren Hafen. In Seestädten verehrte man das Brüderpaar darum ganz besonders, stellte sich gerne unter seinen Schutz und Schirm. Das flackernde Licht um die Maste aber heißt in der Seemannssprache von heute Sankt-Elms-Feuer.
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Iason und das goldene Vlies »