Iphigeneia
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In der Grotte aber, in welcher sie sich verbargen, wurden sie schon nach kurzer Zeit von Hirten, die ihre Rinder im Meere badeten, entdeckt. Einer von ihnen hielt die beiden Jünglinge für Götter, so schön erschienen sie ihm. Er wollte vor ihnen niederfallen, aber da riss ihn ein anderer, ein frecher, ungläubiger Geselle, hoch und rief höhnisch: "Du Narr, siehst du nicht, dass es Schiffbrüchige sind, die sich hier verstecken, weil sie von unserem Brauch gehört haben und nicht als Opfer im Tempel sterben wollen?"
Nun drängten sich immer mehr Männer vor der Grotte; sie wollten die Jünglinge fangen. Orestes aber, dessen Sinn Todesangst verwirrte, so dass er die Hirten plötzlich für Erinnyen hielt und das Bellen der Hunde wie auch das Brüllen der Rinder für deren Stimmen, riss sein Schwert heraus und rief: "Pylades! Pylades! Die Drachen des Hades sind los! Die Schlangenhaarigen sind mir übers Meer nachgekommen! Siehst du die schwarze Jägerin dort, wie sie mit züngelnder Rute nach mir schlägt? Siehst du die Feueratmende neben ihr? Sie trägt meine tote Mutter im Arm! Sie kommt auf mich zu! O blutbesudeltes Antlitz, ich ertrage dich nicht! Weh! Weh! Sie sind alle wieder da und wollen mich ermorden!"
Damit stürzte er aus der Höhle hinaus, warf sich, vom Wahn besessen, auf die unschuldigen Kühe und stieß ihnen seine Waffe in die Bäuche, dass sie aufbrüllend auseinander stoben und die Salzflut mit ihrem Blute färbten.
Die Hirten schleuderten Steine nach dem Tobenden, bis Orestes, selber blutend, erschöpft hinfiel und Schaum aus seinem Munde quoll.
Pylades eilte herzu und hüllte den Schweratmenden in seinen Mantel. Er nahm den Freund auf und wollte mit ihm fliehen. Aber da umringten ihn die Männer, und während die einen das Paar gefesselt zum König schleppten, eilten die anderen zu Iphigeneia in den Tempel und erzählten ihr den ganzen Hergang. "Mögest du, o Jungfrau, noch viele solche Fremdlinge zur Schlachtbank schicken dürfen, damit ganz Griechenland die Todesangst tausendfach büße, die du zu Aulis am Opferaltar ausgestanden hast. Rache, Rache für dein Leid!" So riefen die Hirten ihr zu, denn sie liebten die Priesterin ob ihrer Milde und edlen Sitte sehr, wie denn ganz Tauris die herrliche Griechin ins Herz geschlossen hatte. Auch König Thoas verehrte sie.
Die beiden Fremdlinge waren von ihm zum Tode bestimmt worden, und nun brachte man sie aus dem Palaste des Herrschers in den Tempel, auf dass Iphigeneia das Opfer vorbereite.
"Gebt ihre Hände frei", befahl die Priesterin, "die heilige Weihe spricht sie von allen Banden los."
Die Knechte des Königs gehorchten und lösten den Jünglingen die Fesseln. Nun trat Iphigeneia auf die beiden zu und sprach: "Ihr hattet eine weite Reise, bereitet euch zu einer noch weiteren vor; ins Schattenreich geht eure Fahrt. An ein düsteres Gestade verschlug euch das Meer, und einen gar düsteren Dienst muss ich an euch üben, bejammernswerte Fremdlinge!"
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