Das Götterbild kehrt heim
2 / 3

Iphigeneia wich zurück. "Du sprichst wahr", sagte sie ernst, "aber nun will ich uns alle drei retten. Höre, Orestes! Dass du heute in der Grotte vom Wahn befallen wurdest und vor den Hirten am Strande tobtest, dünkt mich wie ein Geschenk der Götter. Ich werde dem König sagen, du kämest als Muttermörder aus Argolis, was ja die Wahrheit ist, und seiest noch nicht entsündigt. Deshalb müsse erst ein Bad im Meere das Blut abwaschen, das noch von der entsetzlichen Tat an deinem Leibe klebt. Und weil deine unreinen Hände, so werde ich sagen, das Standbild der Göttin im Tempel schutzflehend berührt haben, so sei das Bildnis entweiht und müsse gleichfalls im Meer gewaschen werden. Sind die Ruderer eures Schiffes in Waffen? Das ist gut. So werden sie die Krieger überwältigen, die uns der König zur Bewachung mitgeben wird. Ihn selbst werde ich bitten, während unserer Abwesenheit am Strande das entheiligte Tempelgewölbe ausräuchern zu lassen, wo nach unserer Rückkehr die Opferung der Gereinigten stattfinden soll. Ihr aber bringt mich in die Bucht, wo euer Fahrzeug versteckt liegt, das uns, so uns die Götter gnädig sind, noch heute vom Ufer dieses dunklen Landes entfernen wird. Das Bildnis der Göttin trage ich selber, denn nur die Priesterin darf es berühren. So wappnet euch mit Mut und Zuversicht, bald wird Thoas voll Ungeduld im Tempel erscheinen und das Opfer betreiben; wir aber wollen dann alles so ins Werk setzen, wie ich es euch jetzt sagte." Thoas kam. Und wie es Iphigeneia mit den Jünglingen vereinbart hatte, so gelang der Plan. Der König überwachte das Ausräuchern des Tempels, indessen schritt die Priesterin mit dem Bilde der Göttin, gefolgt von Bruder und Freund, zum Meere hinab; eine Schar Kriegsknechte begleitete sie. Als der Zug nach mühsamem Wege in der unwirtlichen Bucht angelangt war und sich im Angesicht des wartenden Griechenschiffes dem Wasser näherte, gab Orestes seinen lauernden Mannen einen Wink. Da sprangen die Bewaffneten von Bord, fielen todesmutig über die wilden Taurier her und lieferten ihnen ein heißes Gefecht. Orestes und Pylades aber brachten die Jungfrau samt dem Bildnis über eine Leiter glücklich ins Schiff, und nachdem die überlebenden Krieger des Thoas die Flucht ergriffen hatten und die tapferen Griechen alle wieder an Bord waren, wurden die Haltetaue zerschnitten, worauf ein kräftiger Wind, der, aus dem Inneren der Halbinsel kommend, jäh in die Bucht hinabstieß, das starke Schiff mit prall gefülltem Segel aufs offene Meer hinaustrug.

« zurück weiter »