Elektra
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Da fasste Elektra die Schwester am Arm und sprach, von Schmerz und Hass erregt: "Teure Schwester, du wirst mit der Spende dieses Weibes das Grab unseres Vaters nicht verunreinigen, hörst du? Ich bitte dich darum! Schütte den Wein in den Wind, Chrysothemis! Vergrabe das andere tief in den Sand, wenn noch ein Fünkchen Liebe zu mir und zum fernen Bruder in deinem Busen glimmt! Vergrabe es tief, dass nichts davon des Vaters Ruheort erreichen kann.
Oder meinst du, die Seele des Toten werde durch das Weihegeschenk der Mörderin erfreut? Nie, Schwester, niemals! Wirf alles hin! Schneide mir und dir ein paar Locken ab, die lege als demütige Spende auf den Hügel. Auch meinen Gürtel nimm und leg ihn dazu, er ist das einzige Kostbare, das mir das Weib, welches ich einst Mutter nannte, noch ließ. Wirf dich nieder, Schwester, und flehe den Vater an, er möge aus der Erde emporsteigen und unser Mägdeleben beenden! Er möge die Rächerschritte unseres Bruders endlich nach Mykenai lenken und durch Orestes' Hand die Mörder vernichten! Rache sei all dein Gebet, Chrysothemis, und wenn sie dereinst vollzogen ist, werden wir Agamemnons Grab mit reichen Freudenopfern schmücken!"
Chrysothemis war von den beschwörenden, glühenden Worten der Schwester tief ergriffen und erregt. Sie nahm Elektras Lockenspende entgegen und eilte davon.
Nun wollte Elektra mit ihrem Wassereimer über die Stufen ins Haus gehen, aber da trat ihr Klytaimnestra entgegen. Die Königin hatte die letzten Worte gehört, welche die verhasste Tochter zu Chrysothemis gesprochen hatte, und auch gesehen, wie sich Elektra eine Locke abschnitt und der Schwester übergab. "Du bist heute wieder außer Rand und Band vor Übermut!" rief sie. "Nur Schande bringst du über unser Haus! Oder ziemt es vielleicht einer sittsamen Jungfrau, die eigene Mutter bei den Mägden zu verklagen? Aber nicht genug damit, dass du mich und den König tagaus, tagein verlästerst, musst du heute, weil Aigisthos, der dich sonst im Zaume hielt, fort ist, auch noch das milde Herz deiner Schwester mit deinen unsinnigen Rachegedanken vergiften?"
"Solange du selbst zugibst - und du musst es zugeben! -, dass du den Vater erschlugst", entgegnete Elektra, "solange werde ich dich eine Mörderin nennen, so laut es mir gefällt und wo immer es mir behagt, an jedem Ort, vor allen Leuten. Mörderin! Mörderin! Sage mir nicht wieder, die Göttin der Gerechtigkeit habe deinen und den Arm des Aigisthos geführt. Agamemnon hat nicht gemordet aus Lust oder Gier - gezwungen und widerstrebend opferte er Iphigeneia. Und nicht für sich oder Menelaos tat er es, sondern für das Heer, das zu ihm aufblickte, für ganz Griechenland und die ewigen Götter, deren Wille es war, Troia zu vernichten!"
"Verfluchte Brut!" schrie Klytaimnestra zornglühend. "Bei dem Pfeile der Artemis, du büßest mir deinen Trotz, sobald Aigisthos zurückgekommen ist. Tritt zur Seite, Magd, und lass mich ungestört opfern!" Damit schritt sie die Stufen hinab zum Altar des weissagenden Gottes Apollon, der da vor dem Palaste wie vor allen Häusern der Griechen aufgestellt war, zum Schutze der Wohnung und der Straße.
Das Opfer, das die Königin wegen des nächtlichen Traumgesichtes darbrachte, sollte den Gott versöhnen. "Der du ins Verborgene blickst", flehte sie, "der du Künftiges zu lenken vermagst, wende von dieser Schwelle das Unheil ab, das mir mein Traum verkündete."
Ihr Gebet schien Erhörung zu finden. Ein fremder Mann näherte sich dem Palaste; er trug Wanderkleidung, hatte staubige Schuhe, und sein Stecken war arg abgenützt. Der Wanderer hatte gewiss einen weiten Weg hinter sich. Er verlangte den Aigisthos zu sprechen, und als die Dienerinnen, welche Klytaimnestra umgaben, ihn an ihre Herrin wiesen, beugte er vor der Fürstin die Knie und sprach:
"Hohe Königin, mich sendet König Strophios aus Phokis mit weher Kunde für dein Haus! Es starb Orestes, dein Sohn, der all die Jahre her mein Pflegling war. Dies habe ich dir zu melden, und damit ist mein Auftrag zu Ende."
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