Bald schlugen Feuerbrände aus allen Dächern, und der Wind, der sie zu immer rasenderer Glut anfachte, trieb zugleich die Schiffe aus Tenedos herbei. Bald wimmelte der Strand von Kriegern, in schwarzen Haufen durchstürmten sie die Ebene und brachen ungehemmt durch die riesige Mauerlücke in die ohnmächtige Stadt ein, schnaubend vor Kampfbegierde. Nun füllte sich Troia erst recht mit Trümmern und Leichnamen, zwischen denen Halbtote und grausig Verstümmelte umherkrochen, und nur selten floh einer aufrecht, ehe auch ihn die Lanze zu Boden streckte. Das Winseln und Heulen geängstigter Tiere erscholl in den Straßen und mischte sich in das Stöhnen der Verwundeten und das immer lauter anwachsende Wehklagen der jammernden Frauen und Kinder. Ihrer Tausende wurden in dieser Nacht, deren Grauen Worte nicht zu schildern vermögen, Witwen und Waisen.

Am meisten von allen Danaerhelden wütete Neoptolemos, der Sohn des Achilleus. Drei Söhne des Priamos hatte sein Schwert bereits zum Hades geschickt, da erblickte er den König selbst, der am Altar des Zeus unter freiem Himmel betete. Gierig zückte der Jüngling sein Schwert. Priamos wich nicht von der Stelle und bat nicht um sein Leben. "Töte mich nur, Achilleuskind", rief er. "Ich habe so viel ertragen, so viele Kinder hinsterben gesehen, dass ich das Licht der Sonne nicht mehr länger schauen mag. O hätte mich schon dein Vater getötet! So entrücke du mich allem Kummer."
"Greis, du verlangst eben das, wozu mein Herz mich treibt!" erwiderte Neoptolemos. Damit hob er sein Schwert und schlug dem König das graue Haupt so leicht von den Schultern, wie ein Schnitter im Sommer die Ähren mäht.
Noch grausamer als die Fürsten zeigten sich die gemeinen Krieger des Griechenheeres. Als sie im Königshause Andromache fanden, die Hektors Söhnlein hielt, rissen sie den Knaben aus den Armen der Mutter und schleuderten ihn haßerfüllt von der Zinne der Burg in die Tiefe. Schreiend bat Andromache die Mörder: "Stürzt auch mich hinab, oder werft mich ins Feuer! Befreit mich von der Qual, noch länger leben zu müssen!" Aber die Männer erhörten sie nicht, fesselten sie und führten sie hinweg.
So kehrte der Tod in jedem Hause ein, nur ganz wenige wurden verschont oder konnten entkommen. Unter diesen war auch Aeneas. Er hatte lange gekämpft und manches Troers Tod heldenhaft gerächt. Als er aber einsah, dass alle Tapferkeit vergebens war, hob er seinen greisen Vater Anchises auf die Schultern, nahm sein Söhnchen Askanios an der Hand und verließ so die brennende Stadt, wie ein Seefahrer das verlorene Schiff verlässt und sich in ein Boot rettet. Aphrodite schützte den Helden, wie nur eine göttliche Mutter ihr Kind schützen kann; wohin Aeneas den Fuß setzte, wichen die Flammen zurück, zerteilten sich die Rauchwolken, und alle Speere und Pfeile, welche Griechenhände nach ihm abschossen, fielen kraftlos zur Erde. Inzwischen suchte König Menelaos seine treulose Gattin Helena, die sich vor seinem Zorn versteckt hielt.