Wie Helena geraubt ward
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Helena, die Schwester der beiden Dioskuren, war eine Tochter des Zeus und der Königin Leda. Der Ruhm ihrer Mutter, die schönste Frau der Welt zu sein, war auf sie übergegangen, und ihr Ziehvater, der Spartanerkönig Tyndareos, hatte seine liebe Not mit den vielen Freiem gehabt, die bei ihm um die Hand der herrlichen Jungfrau warben, bis endlich Menelaos sie für sich errang und damit die Werber verscheuchte.
Als Helena von der Ankunft der Troer auf Kythera hörte, erwachte in ihr sogleich heftige Neugier. Endlich sollte das Einerlei ihrer Tage eine angenehme Unterbrechung erfahren! Ohne langes Besinnen ordnete sie ein feierliches Opfer im Tempel der Aphrodite auf Kythera an, und bei dieser Gelegenheit hoffte sie, dem fremden Fürstensohn und dessen Kriegern zu begegnen.
Der Plan gelang. Paris opferte soeben am Altar, als die schöne Helena den Raum betrat. Paris ließ die Hände, die er gerade zum Gebet erhoben hatte, langsam wieder sinken. Staunend ruhte sein Blick auf der herrlichen Frau; ihm war, Aphrodite selber träte auf ihn zu, wie sie ihm auf dem Ida erschienen war, da er noch ein Hirte gewesen. Ich dachte immer, sagte er zu sich selbst, die Göttin wird mir eine Jungfrau als Gattin zuführen. Nun aber erkenne ich wohl, dass es diese Frau ist, die mir Aphrodite
vermeinte: Helena, die Königin der Spartaner, um deren Besitz zahllose Fürsten Menelaos beneiden - von deren Schönheit alle Sänger singen. Hat mir die Göttin der Liebe nicht das schönste Weib der Erde zum Lohn für mein Urteil versprochen? Helena ist dieses Weib, also muss sie mein werden, und wenn sie tausendmal das Weib eines anderen ist!
Der Auftrag des Vaters, der Zweck der Ausrüstung und der Reise, all dies schwand aus seiner Seele, wie Schatten vor der Sonne schwinden. Ihm war, als sei er mit seinen tausend Bewaffneten einzig und allein ausgezogen, um die schöne Helena zu gewinnen.
Aber auch die Fürstin betrachtete den fremden Fürstensohn, der in Gold und Purpur gekleidet war und dem das lange, glänzende Haar bis auf die Schultern fiel, mit unverhohlenem Wohlgefallen. Das Bild ihres Gemahls verblasste vor so viel Pracht, und ihr Gefühl wandte sich dem schönen Jüngling zu.
Helena kehrte nach Sparta zurück. Sie schloss sich im Königspalaste ein und suchte das Bild des Fremdlings aus ihrem Herzen zu tilgen. "O Götter", flehte sie, "sendet mir den Gatten auf eilendem Schiffe aus Pylos her!"
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