Die Schlacht der Götter und Menschen
2 / 9
Während solches auf Erden geschah, stand die Meeresgöttin Thetis vor dem unvergänglichen, sternhellen Palast des Hephaistos. Der hinkende Schmiedekünstler hatte ihn sich selber ganz aus Erz erbaut. Schwitzend saß er in seiner rauchgeschwärzten Werkstatt, in voller Arbeit vor seinen Blasebälgen an der Esse.
Thetis sank vor dem Götterschmied nieder, und wie sie noch vor kurzer Zeit Zeus' Knie umfasst und den Göttervater um Sieg für die Troer angebettelt hatte, so umschlang sie nun die Knie des rauen Schmiedes und bat: "Fertige für Achilleus, meinen Sohn, Helm und Schild, Harnisch und Beinschienen an, solange er noch lebt, den Griechen zu Schirm und Schutz! Hektor hat ihm die Götterrüstung entrissen, prunkt und prahlt mit ihr. O erbarme dich der Mutter, die ihr Kind bald beweinen wird, und rüste Achilleus neu!"
Voll Wehmut erhob sich Hephaistos und sprach: "O könnte ich deinen Sohn so gewiss vor dem Tode erretten, als ich ihm noch diese Nacht eine Rüstung schmieden will, wie noch kein Sterblicher eine getragen! Wer sie erblickt, der soll staunen. Banne den Kummer aus deinem Herzen, edle Göttin, siehe, schon setze ich mich ans Werk."
Nach diesen Worten kehrte er Thetis den Rücken und ließ sich an seiner Esse nieder. Er richtete die Mündungen von zwanzig Blasebälgen ins Feuer und trat sie mit Macht. Sturmwind fuhr in die Glut, mächtig glühten Erz und Zinn, Silber und Gold, und als Hephaistos nun den Amboss zurechtrückte - zehntausend Sterbliche und mehr hätten ihn nicht von der Stelle gebracht -, als er Hammer und Zange zur Hand nahm und zu schmieden begann, da stoben die Funken weiß und rot und golden in so unendlicher Menge zum Himmel empor, dass es aussah, als ob sich die Sterne am dunklen Firmament bei jedem Hammerschlage jählings verdoppelten.
So schmiedete Hephaistos die ganze Nacht. Er formte einen riesenmäßigen, starken Schild aus fünf Schichten mit dreifachem blankem Rande, dazu ein Silbergehenk. Auf der Wölbung dieses Schildes waren Erde und Meer und der Himmel mit Sonne, Mond und allen Gestirnen zu sehen, ferner zwei Städte, die eine voll buntem, fröhlichem Treiben, die andere von zwei Heeren belagert und voll angst-erfüllter Weiber, Kinder und Greise. Auch ein Blachfeld mit pflügen-. den Bauern war zu sehen, ein Ährenfeld mit sichelnden Schnittern, ein Weingarten, aus welchem Jünglinge und rosige Jungfrauen die süße Frucht in Körben davontrugen, und ein die Harfe schlagender Knabe, von anderen Knaben umtanzt. Doch damit nicht genug der göttlichen Kunst, bildete Hephaistos auf dem Schilde für Achilleus auch noch eine Rinderherde aus Gold und Zinn mit vier goldenen Hirten und neun Hunden. Zwei Löwen überfielen einen Stier, und die Hirten hetzten ihre Hunde auf die schrecklichen Räuber. Nicht weit daneben aber sah man ein anmutiges Tal, von silbernen Schafen durchschwärmt; schließlich ein Dorf mit lustigem Jahrmarkttreiben, mit Tänzern und Gauklern, Harfenspielern und Sängern, mit Reigenspielen und Zuschauergedränge. Den äußersten Rand des Schildes aber umwand, gleich einer Schlange, der Strom des Okeanos.
« zurück —
weiter »