Antigone
2 / 2

Kreon tobte. Er verurteilte Antigone zum Tode: sie sollte lebendig begraben werden. Nichts vermochte seinen starren Sinn zu ändern, sein versteinertes Herz zu erweichen; sein eigener, älterer Sohn Haimon warf sich vor ihm nieder; er war mit Antigone verlobt und flehte um das Leben der geliebten Braut. Kreon wies ihm die Türe. Abgesandte des Volkes erschienen, priesen Antigone als ein erhabenes Beispiel treuester Schwesternliebe, der die Gebote der Götter mehr galten als die Befehle der Menschen, und baten um ihr Leben - alles vergeblich, Antigone musste sterben. Sie wurde bei lebendem Leibe eingemauert und dem Hungertode preisgegeben. Niemand wagte es, sich dem Tyrannen zu widersetzen, ihm seine Grausamkeit ins Gesicht zu schreien. Todesstille erfüllte Häuser und Straßen, Furcht und Schrecken lähmte alle Zungen - bis auf eine! Der blinde Seher Teiresias schwieg nicht. Er ließ sich vor den König geleiten und rief, von schrecklichen Gesichten erfüllt: "Genug der Schändungen! Genug der Schmach! Herrscher, lass ab von Toten und Lebendigen! Wie finsteres Gewölk sammelt sich Götterzorn über deinem Haupte, wie lichtes Gold umfließt der Himmlischen Liebe deine Nichte Antigone. Was quälst du die Jungfrau! Weil sie ihre Pflicht tat? Hüte dich, Kreon! Wem die Unsterblichen verzeihen, dem soll der Mensch nicht grollen, darum bestatte den gefallenen Königssohn in Thebens Mauern. Tust du es nicht, so werden noch vor Sonnenuntergang zwei Tote deines Stammes für den einen blutend auf dem Boden liegen. Doppelten Frevel begehst du: den Toten verweigerst du die Erde, und die Lebenden begräbst du! - Rasch, Knabe, führe mich hinweg, lassen wir diesen Mann allein, mir graut vor seinem Unglück!" An der Hand des Jungen, der ihn hergebracht, verließ Teiresias den König, der ihm bebend nachblickte. Kreon wusste, dass sich bisher noch jede Weissagung des blinden Greises erfüllt hatte. Trotzdem dauerte es noch Stunden, ehe der unbeugsame Herrscher endlich den Befehl gab, Polyneikes zu bestatten und Antigone aus ihrem Grabgewölbe zu befreien. Es war zu spät. Antigone hatte sich mit ihrem Schleier an der Decke der Gruft erhängt. Laut schreiend warf sich bei diesem Anblick Haimon, Kreons Sohn, zu Boden und verfluchte den Vater. Als er dann plötzlich wortlos sein Schwert aus der Scheide zog, meinte der König, es gelte ihm, und rannte angstvoll ins Freie. Haimon aber bückte sich und ließ sich schwer in die aufgestellte Klinge fallen. So ward das Grab der Braut auch das seine. Boten trugen die Schreckenskunde nach Theben in die Burg, wo die Königin, Kreons Gemahlin und Haimons Mutter, allein zurückgeblieben war. Als sie vernommen hatte, was geschehen war, schloss sie sich in ihrem Schlafgemach ein und legte Hand an sich. Kreon, Schlimmes ahnend, zerbrach den Riegel und drang in das Zimmer ein; er fand die Selbstmörderin tot vor dem Bette. So war innerhalb weniger Tage der blühende Stamm des Oidipus bis auf die zarte, scheue Ismene ausgerottet und auch Kreons Familie vernichtet worden. Schwer getroffen von der Rache der Götter, zog sich der König in den Palast zurück, wo auch Ismene einsam und unvermählt ihre Lebenstage verbrachte. Von den sieben Heerführern, die unter König Adrastos gegen Theben aufgebrochen waren, blieb nur dieser selbst übrig, sein windschnelles unsterbliches Ross Arion hatte ihm das Leben gerettet.

« zurück Alkmaions Rache und Tod »