Die Fahrt ins Kolcherland
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Dem bithynischen Lande gegenüber lag die Küste eines Reiches, über welches der König Phineus herrschte. Er hatte die Gabe der Weissagung, die ihm Apollon verliehen, frevlerisch missbraucht und war darum in seinem hohen Alter vom Gotte mit Blindheit geschlagen worden. Außerdem ließen ihn die Harpyien, das sind grässlich stinkende Vögel mit menschlichen Gesichtern, keine Speise ruhig genießen. Was man dem König auch auftischte, die gefiederten eklen Sturmgöttinnen brausten sogleich herzu und raubten das meiste mit ihren Adierkrallen. Was sie zurückließen, besudelten sie mit dem Unrat, der beständig von ihren ausgemergelten Leibern troff, so dass niemand mehr davon essen, ja nicht einmal die Nähe solcher Speisen ertragen konnte. Als man Phineus die Ankunft des Schiffes meldete, verließ er sogleich sein Gemach und ging den Ankömmlingen entgegen; er erhoffte von jedermann Hilfe. Abgemagert bis auf die Knochen, wie er war, glich er eher einem Schatten denn einem Menschen. Seine Glieder zitterten vor Altersschwäche, auf seinen Stock gestützt, wankte er tappenden Schrittes heran und sank vor den Argonauten zu Boden. Die Helden umringten den Greis und entsetzten sich über sein Aussehen. Alsbald erhob der Unglückliche die Hände und brach in flehentliche Bitten aus: "Helft mir, ihr Helden! Ich bin euch kein Fremdling, bin ein Grieche wie ihr. Phineus bin ich, Agenors Sohn. Dass mir die Rachegöttinnen das Augenlicht geraubt, ertrüge ich klaglos als gerechte Strafe; aber dass sie mir die Harpyien senden, bringt mich dem Wahnsinn nahe!" Auf der Stelle rüsteten die Argonauten dem Gepeinigten ein Mahl, das sollte, so gedachten sie, für die räuberischen Vögel das letzte sein. Kaum hatte der König die Speise berührt, als die Harpyien aus den Wolken herabstürzten und sich flügelschlagend gierig auf das Mahl setzten. Laut schrien die Helden auf, aber das störte die dämonischen Wesen nicht. Sie verzehrten alles, dann schwangen sie sich in die Lüfte und ließen einen unerträglichen Geruch zurück. Sie flogen mannshoch über dem Boden hin, und ein Teil der Argonauten folgte ihnen mit gezücktem Schwert. Sie hätten sie auch sicherlich erlegt, so nahe kamen sie ihnen; aber da schwebte plötzlich Iris, die Götterbotin, aus dem Äther herab und hemmte den Sturmschritt der Helden mit ernstem Wort: "Senket die Waffen! Nicht ist es erlaubt, die Jagdhunde des großen Zeus mit dem Schwerte zu töten! Nehmt dafür meinen Göttereid, dass die Raubvögel hinfort den Sohn des Agenor nicht mehr belästigen sollen." Da kehrten die Helden um, indes sich die Harpyien höher emporschwangen und in die Wolken tauchten. Nun wuschen und salbten sie des Königs Leib, veranstalteten ein Opfermahl und luden den gequälten Greis dazu ein. Heißhungrig labte er sich an den reinen, reichlichen Speisen. Die Helfer belohnte er mit einer Weissagung. "Ihr reiset nach Kolchis", sprach er, "da werdet ihr in einer Meeresenge den Symplegaden begegnen, zwei steilragenden Felsen, die nicht im Meeresboden wurzeln, sondern in der See schwimmen. Immer wieder treiben sie gegeneinander, dann schwillt die Flut zwischen ihnen mit fürchterlichem Toben an. Wollt ihr nicht mit Mann und Maus zerquetscht werden, dann rudert so schnell wie eine Taube fliegt, zwischen ihnen hindurch. Habt ihr dies Abenteuer heil überstanden, so werdet ihr an manchen Vorgebirgen, Flussmündungen und Küsten vorüberkommen, auch an den Frauenstädten der Amazonen und dem Lande der Chalyber, die im Schweiß ihres Angesichtes Eisenerz aus der Erde graben, und endlich werdet ihr an die kolchische Küste gelangen. Wo der Strom Phasis mit breitem Strudel sich ins Meer ergießt, werdet ihr die hochgetürmte Burg des Königs Aietes erblicken und den mächtigen Eichenhain des Ares. Hier hütet der schlaflose Drache das Goldvlies, das im Wipfel eines wuchtigen Eichenbaumes hängt. 0 möchtet ihr es gewinnen, euch und uns allen zum Heil! Lange genug war das Vlies, von uns getrennt, im finsteren Barbarenlande. Wer es gewinnt, den schreckt kein Tod, kein Hades mehr - das Licht der Götter wohnt in seiner Brust, er tafelt mit den Unsterblichen, und sein Volk ist durch seine Tat gesegnet. Ewiger Heldenruhm ist sein Teil.

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