Die Hochzeit des Peirithoos
2 / 2
"Zu den Waffen!" erscholl es jetzt von allen Seiten an den Tischen der Kentauren. Becher stürzten, Flaschen und Näpfe flogen; ein tempelräuberisches Untier riss die kostbaren metallenen Weihgeschenke von den benachbarten Altären und verwendete sie als Wurfgeschosse; ein anderer riss den schweren, gekreuzten Leuchter mit den vielen Kerzen, die über dem Mahle brannten, herab und schlug damit um sich; wieder ein anderer focht mit einem riesigen Hirschgeweih, das da zum Schmuck an der Wand gehangen.
Die Kentauren richteten unter den Lapithen ein entsetzliches Gemetzel an. Rhoitos, einer der schlimmsten von ihnen, ergriff die größte Brandfackel, die am Altare lohte, und bohrte sie einem schon Verwundeten wie ein Schwert in die klaffende Wunde, dass das Blut zischte, wie wenn man glühendes Eisen ins Wasser stößt. Der tapferste der Lapithen aber, Dryas mit Namen, rächte den Stammesbruder, indem er dem Kentauren einen im Feuer geglühten Pfahl zwischen Nacken und Schulter in den behaarten Leib rannte.
Als Rhoitos, so getroffen, krachend zu Boden schlug und Dryas noch fünf der pferdefüßigen Genossen mit seinem Pfahle niederstreckte, ließ das Morden der wütenden Kentauren nach. Der Speer des Peirithoos flog durch den Saal und traf den Petraios, einen wahren Riesen unter den Tiermenschen, der gerade bemüht war, einen Eichenstamm aus der Erde zu rütteln und als Keule zu gebrauchen. Wütend hielt er den knorrigen Baum umklammert, da durchbohrte ihm die Lanze des Helden den Rücken und heftete seine schweratmende Brust an das raue Holz. Ein zweiter Kentaur fiel von der Hand des Theseus und zerknickte im Fallen eine mächtige Esche, einen dritten, der seinen Bruder rächen wollte, zermalmte der attische Gast mit einem Eichenpfahl. Doch schlug auch in der Brust der Kentauren ein fühlendes Herz, in dem Freud und Leid wohnten wie in Menschenherzen, und es gab edle Geschöpfe unter ihnen. Ein solches war der Kentaur Kyllaros, der schönste und jugendlichste seines Stammes. Goldfarben waren sein Lockenhaar und sein Bart, freundlich blickte sein Antlitz; wie von Künstlerhänden geformt waren Nacken, Schultern, Brust und Arme, und auch der Rossleib war ohne Fehl: bequem zum Sitzen für seine menschlichen Freunde war der Rücken, hochgewölbt die Brust, pechschwarz war seine Farbe, nur die Beine und der lange, reiche Pferdeschwanz waren licht.
Kyllaros war mit seiner Gemahlin zum Feste gekommen, der schönen Kentaurin Hylonome, die sich beim Mahle liebkosend an ihn gelehnt hatte und nun mit ihm vereint im wütenden Kampfe an seiner Seite focht. Von unbekannter Hand ward Kyllaros mit einem Wurfpfeil ins Herz getroffen, so dass er sterbend seiner Gemahlin in die Arme sank. Hylonome schrie auf, brachte ihn aus dem Getümmel, pflegte seine zuckenden Glieder, küsste ihn und versuchte alles, den entfliehenden Atem aufzuhalten. Doch vergebens. Als sie den Herrlichen verscheiden sah, zog sie den Pfeil aus seiner Herzwunde und stürzte sich selbst darein.
Noch lange wütete der Kampf, bis die Kentauren endlich unterlegen waren und die letzten von ihnen ihr Heil in der Flucht und im Dunkel der Nacht suchten, das sie dem Gemetzel entrückte.
Jetzt war Peirithoos im unbestrittenen Besitze seiner schönen Braut. Theseus blieb bei ihnen zu Gast und verabschiedete sich am anderen Morgen von dem Freunde. Der gemeinschaftliche Kampf hatte das Band ihrer Verbrüderung zu einem unauflöslichen Knoten verknüpft. Manche Heldenfahrt unternahmen sie gemeinsam und leisteten einander in unwandelbarer Liebe jeden Beistand.
« zurück —
Des Helden Tod und Heimkehr »