Der Kentaur nahm die Frau auf die Arme und watete mit ihr in den Fluss. Mitten in der Furt wurde er jedoch vom Anblick ihrer Schönheit dermaßen überwältigt, dass er ihr einen Kuss rauben wollte.
Deianeira schrie laut um Hilfe und wehrte sich verzweifelt gegen die Liebe des rauhaarigen Halbmenschen. Herakles, der vom anderen Ufer aus sah, was vorging, riss seinen Bogen von der Schulter, legte einen seiner vergifteten Pfeile auf und schoss ihn dem Kentauren durch Rücken und Brust.

Mit letzter Kraft hielt Nessos, der gerade das Ufer erreicht hatte, die schöne Frau an sich und flüsterte ihr zu: "Fange das Blut, das aus meiner Todeswunde quillt, in dem steinernen Fläschchen auf, das du am Gürtel trägst - es wird dir Glück bringen. Wenn du mit diesem meinem Blute ein Hemd deines Gatten färbst, so wird er niemals eine andere Frau lieben als dich, und wenn ihm Aphrodite selber in den Weg liefe!" Nach diesen tückischen Worten ließ er
seine schöne Beute fahren, stürzte zu Boden und streckte seine beiden Arme und seine vier Hufe im Grase von sich. Stöhnend verließ seine finstere Seele den rauen Leib.
Deianeira gehorchte dem verderblichen Rate des Nessos, ließ etwas von dem Blute in ihr Fläschchen rinnen und verbarg dieses schnell im Gewande.
Bald nach diesem Ereignis unternahm Herakles einen Feldzug nach Euboia gegen den König Eurytos, der ihm einmal seine Tochter verweigert hatte. Er besiegte ihn in seiner Hauptstadt Oichalia, schleifte die Burg, tötete alle Bewohner und vernichtete auch die Sippe des Königs bis auf dessen schöne Tochter Iole, die er als Gefangene mit den Siegesboten nach Theben zu Deianeira schickte.
Unter diesen Boten befand sich auch Lichas, ein treuer Diener des Herakles und Vertrauter Deianeiras. Als dieser nun mit der Gesandtschaft bei der Fürstin eintrat und seiner Herrin die schöne fremde Königstochter, die sich sogleich vor Deianeira niederwarf, als Sklavin übergab, sprach er: "Heil dir, Gemahlin meines Herrn! Die Götter haben die gute Sache des Herakles gesegnet und ihm Sieg verliehen. Doch lässt dir dein Gatte sagen, du mögest diese arme Gefangene schonen, deren Anverwandte Herakles für ihr hochfahrendes Wesen schrecklich mit dem Tode bestraft hat."