Die Jungfrau Andromeda
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Kamst du, mich zu retten, so schwebst du keinen Augenblick zu spät heran: gleich wird Poseidon das Meer von neuem aufwühlen, und der schreckliche Haifisch, der das Land verwüstet, wird mit der steigenden Flut auf mich zustoßen und mich zerreißen... Wisse, Fremdling, das Reich, welchem du nahtest, heißt Aithiopien, Kepheus trägt seine Krone, und ich bin Andromeda, des Königs unglückliche Tochter. Kassiopeia, meine Mutter, prahlte frevlerisch, sie sei schöner als alle Nereiden, die Töchter des sanften Meergreises Nereus, der die Windstille regiert. Da erzürnten die Nixen, und Poseidon, der wilden Fluten Gott, wühlte die Wasser mit seinem Dreizack auf. Das Land ward überschwemmt, und ein grausiger Haifisch, der mit den Sturzwogen daherschoss, verwüstete meines Vaters Reich. Hilfe und Rat suchten wir beim heiligen Orakel, und sein Spruch lautete: ‚Gebt Andromeda dem Untier zum Fraß, so wird die Not von euch weichen!' Vom jammernden Volke bedrängt, musste mein Vater gehorchen. Hier ließ er mich an die Klippe binden, und wenn die zornige Flut sich das nächste Mal erhebt, werde ich dem Hai zur Beute. 0 sieh doch, schon wälzt es sich schäumend heran!" Sie hatte die letzten Worte noch nicht zu Ende gesprochen, als das Meer aufrauschte und aus der brodelnden Tiefe das Untier emportauchte. Vom nahen Königspalast stürzten Kepheus und Kassiopeia, die unglücklichen Eltern, herbei, und umschlangen weinend und klagend den Leib der Tochter. Da senkte sich Perseus tiefer herab; längst hatte er den Helm abgenommen, so dass jedermann ihn sehen konnte. Er rief: "Bringt ihr dem Mädchen nichts Besseres als Tränen und Wehklagen? Blickt auf mich! Ich bin Perseus, des Zeus und der Danae Sohn. Ich habe die Gorgo besiegt, und wunderbare Flügel tragen mich durch die Luft, der Erdkreis wird meinen Namen ewig rühmen. Gebt mir das Mädchen zur Gattin, so will ich sie retten - doch entschließt euch rasch, wenige Augenblicke nur trennen die Jungfrau vom grässlichsten Tode!" Die Eltern erhoben die Hände zu ihm wie zu einem Gott. "Nimm unser Kind", rief der König, "und nimm zugleich mein ganzes Königreich zum Lohn für deine Tat!" Wie ein schnellruderndes Schiff schwamm das Untier heran. Schon war es nur mehr einen Steinwurf weit von der Klippe entfernt, da schwang sich Perseus hoch zu den Wolken empor, sein dunkler Schatten flog über die Wellen, und der Hai, der die Erscheinung für einen schwimmenden Mann hielt, schoss tobend darauf zu, ihn zu zerfleischen; so ward er von der Klippe abgelenkt. Im nächsten Augenblick stürzte Perseus wie ein Adler aus der Luft herab, betrat schwebend den Rücken des Tieres und hieb die Sichel des Hermes, mit welcher er die Medusa geköpft hatte, tief in den riesigen Leib. Bis an den Knauf drang die Waffe knapp hinter dem Kopf in das warme Leben des Fisches. Der Hai bäumte sich auf, fuhr durch die Lüfte, tauchte unter das Wasser, raste nach allen Seiten wie ein Eber, den die Hunde hetzen. Doch der Held ließ nicht von ihm ab, brachte ihm Wunde um Wunde bei, stieß ihm die Sichel tief ins Gekröse, bis endlich ein Blutstrom aus dem Maul des Fisches brach und das Untier verendete. Das erregte Meer trieb den ungeheuren Leichnam von dannen, bald war er in den dunkel gefärbten Fluten verschwunden. Perseus, den die durchnässten Schwingen schon bedenklich abwärts zogen, schwang sich ans Land, erklomm das Riff und befreite die Jungfrau von ihren Fesseln. Dankbar und liebevoll führte Andromeda ihren Retter zum goldenen Palast. Dort empfingen König und Königin den fremden Helden als Bräutigam und befahlen, die Hochzeit unverzüglich zu rüsten. Kaum aber saßen sie fröhlich vereint bei der üppig gedeckten Tafel, als plötzlich kriegerisches Getümmel die Vorhöfe der Burg erfüllte und das süße Saitenspiel der Hochzeitsmusikanten roh unterbrach. Phineus, des Königs Bruder, der um seine Nichte Andromeda geworben, sie aber in ihrer letzten Not am Felsen schmählich verlassen hatte, war mit seinen Mannen zurückgekehrt und forderte erneut die Braut. Mit geschwungenem Speer betrat er den Hochzeitssaal und rief Perseus zu: "Du raubtest mir die Gattin, so will ich dir das Leben rauben, und weder deine Flügelschuhe noch dein Vater Zeus sollen dich meiner gerechten Rache entreißen!" Kepheus sprang auf. "Bist du wahnsinnig?" schalt er den Bruder. "Nicht Perseus, der Held, sondern deine eigene Feigheit raubte dir die Geliebte! Warum ließest du zu, dass Andromeda an den Felsen geschmiedet wurde? Wo war da deine Liebe? Warum hast du das Mädchen nicht selbst von der Klippe befreit? Der Fremdling hat es vollbracht, darum lasse ihn sich seines Lohnes freuen; seine kühne Tat rettete mein Alter vor dem Trübsinn, rettete Kassiopeia, die Königin, vor dem Tod aus Reue. Geh!"

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