Die fünf Zeitalter
2 / 3
Hundert Jahre währte ihre Kindheit, dann waren sie endlich der mütterlichen Pflege entwachsen und zu eigenem Handeln herangereift. Aber sie taten noch immer so viel Unvernünftiges, dass sie bald in arges Elend gerieten. Maßlos loderten ihre Leidenschaften, sie konnten sie nicht zähmen. Im Übermut frevelten sie gegeneinander, im Übermut vernachlässigten sie die Altäre, verweigerten den Unsterblichen die gebührenden Opfer, so dass Zeus, der damals bereits herrschte, dieses Geschlecht bald von der Erde hinwegnahm. Wohl war es selbständiger gewesen als das selige goldene, aber es hatte ihm dafür auch jede Ehrfurcht gefehlt. Dennoch wurde es von den Göttern nicht gänzlich verstoßen, sondern durfte in Gestalt sterblicher Dämonen auf der Erde umherwandeln und bei der Schöpfung des folgenden, dritten Geschlechtes mitwirken.
Dieses dritte Geschlecht, das Vater Zeus ins Leben rief, war das erzene. Kriegerisch und grausam, sann es immerzu auf Gewalttat und Machtgewinn. Im goldenen und silbernen Zeitalter hatten sich die Menschen von den Früchten des Feldes, dem Obst der Bäume und den Beeren des Waldes genährt; jetzt jagte und tötete man Tiere, aß ihr Fleisch und trank ihr Blut. Hart wie Diamant war der Starrsinn dieser Jäger, riesenhaft ihr Gliederbau. Ihre Waffen waren
aus Erz, aus Erz ihre Häuser, mit ehernem Pflug bestellten sie den Acker. Aber wie hochgewachsen, stark und kampfestüchtig sie auch waren, gegen die Macht des Todes waren sie wehrlos: sterbend mussten sie vom Sonnenlichte scheiden, graues Dunkel umhüllte sie, als Schatten sanken sie in die Nacht der Unterwelt hinab, die kein Himmelsstrahl erhellt.
Als die Erde dieses eherne Geschlecht verschlungen und in ihrem Schoß eingehüllt hatte, schuf Zeus, der Kronide, ein viertes: Das Geschlecht der göttlichen Heroen, der heldenhaften Halbgötter, betrat die nährende Erde. Ihr Zeitalter war lichter, edler und gerechter als das vorige, doch endete zuletzt auch dieses in Zwietracht und in den von den Göttern selbst verhängten Kriegen vor den sieben Toren Thebens, wo um das Reich des Königs Oidipus gekämpft wurde, und bei Troia, vor dessen hochragenden Mauern zahllose Göttersprösslinge um der schönen Helena willen ihr Blut vergossen. Den meisten von ihnen wies Zeus als Wohnsitz die Inseln der Seligen zu, die am Rande der Welt im Okeanos liegen. Dreimal des Jahres sendet der fruchtbare Boden dieser Eilande honigsüße Früchte zum Labsal der Abgeschiedenen empor. Dort führten sie nach dem Tode ein glückliches, sorgenfreies Leben.
Voll Freude schauten die Götter ihr Werk an: Wie hatte es der sündige Mensch doch weit gebracht! Er baute Häuser und Städte, Mauern und Tore, Straßen und Dämme, er ersann das rollende Rad und den flutendurchfurchenden Schiffskiel, erriet die geheimsten Rätsel wie König Oidipus, der die Sphinx besiegte, und hatte seine Lust an kühnen Listen wie Odysseus, der gegen Troia kämpfte. Ja, der Mensch hatte sich gewaltig entwickelt! Er gründete und lenkte Staaten, diente den Göttern als Priester in den Tempeln und verewigte als Sänger die Taten der Helden im Lied.
« zurück —
weiter »