Prometheus erschafft die Menschen
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Nun goss die Göttin jedem der Prometheus-Geschöpfe etwas von dem Nektar ins Haupt, so dass der Funke des Geistes in ihnen aufleuchtete. Bald bevölkerten sie die weite Erde, aber sie wussten nicht, wie sie sich des empfangenen Funkens bedienen sollten. Wohl sahen sie mit ihren Augen - aber sie wussten nicht, was sie sahen. Sie hörten mit ihren Ohren - aber sie konnten das Gehörte nicht deuten, nicht erkennen. Wie Träumende liefen sie umher und benützten die Schöpfung nicht, die sie rings umgab. Fremd war ihnen die Kunst, Steine zu brechen und zu behauen, Lehmziegel zu brennen, Holz zu fällen und daraus Hütten zu zimmern. In sonnenlosen Höhlen hausten sie unter der Erde, dort wimmelte es von ihnen wie von Ameisen. Weder den Winter noch den Frühling noch den Sommer vermochten sie an den sicheren Zeichen zu erkennen: an Blüten oder Früchten oder am Lauf der Gestirne. Planlos war alles, was sie verrichteten. Da nahm sich Prometheus seiner Menschen an. Er lehrte sie den Auf- und Niedergang der Sonne, des Mondes und der anderen Himmelskörper beobachten, lehrte sie zählen und schreiben, Tiere unters Joch beugen, Rosse bändigen, einfache Nachen bauen und Ruder schnitzen. Auch in der Heilkunst unterwies er sie. War früher einer krank geworden, so wusste niemand, wie dem Fieber zu begegnen sei, welche Speisen und Getränke ihm zuträglich waren, wie man schmerzende Wunden mit Öl lindert. Viele siechten elendiglich dahin. Darum zeigte ihnen Prometheus, wie man in Wald und Flur Arzneien gewinnt und wie man sie anwendet. Auch lehrte er die Menschen die Kunst des Wahrsagens: wie man Vorzeichen deutet, Träume auslegt und die Zukunft an dem Fluge der Vögel abliest. Endlich lenkte er den Blick seiner Wesen ins Innere der Erde, wo es mancherlei Erze, Gold und Silber, Kupfer und Eisen, zu entdecken gab. Kurz, er führte sie in die Künste und Nützlichkeiten des Lebens ein. Im Himmel herrschte seit kurzem Zeus mit seinen Kindern. Die alten Götter, die aufständischen Titanen, waren entthront, nun wurden die neuen auf das eben entstandene Menschenvolk aufmerksam. Argwohn erfasste sie, und sie verlangten Verehrung. "Sollen wir diese Geschöpfe beschützen", sagten die Olympischen untereinander, "sollen wir ihre Ernten segnen und ihre Wege bewachen, so mögen sie uns Opfer darbringen. Steigt der Rauch ihrer Altäre zu uns empor, so werden wir uns gerne hinabneigen und ihren Gebeten lauschen, ihnen Hilfe oder Strafe senden." Zu Sikyon in Griechenland wurde eine Versammlung der Götter und Menschen einberufen, da berieten Sterbliche und Unsterbliche über die Rechte und Pflichten der Menschen. Auch Prometheus war als Anwalt seiner Geschöpfe zugegen. Er wollte sie vor dem Übermut der Himmlischen schützen, wenn diese etwa für ihre Hilfe zu hohe Gebühren fordern sollten. Beide Teile einigten sich, und es wurde ein ungefüger Steinaltar errichtet, auf diesem sollte, gleichsam als Probe, das erste Opfer veranstaltet werden. Da verführte den Titanensohn seine Klugheit dazu, die Götter zu betrügen. Er schlachtete im Namen der Menschen einen großen Stier, zerstückelte ihn und bat die Götter zu wählen, was sie für sich haben wollten. Er hatte aber aus den Stücken des Opfertieres zwei Haufen gemacht: einen aus dem Fleisch, den Innereien und dem Speck, den bedeckte er mit der Haut des Rindes und legte den Magen oben drauf; der andere bestand aus den kahlen Knochen, über die Prometheus das mindere Unschlitt, den Talg, gehäuft hatte, und dieser war der größere.

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