Leiden und Triumph der Jungfrau Io
2 / 4

Dieses Wesen bestimmte Hera als Wächter für die Kuh und trug ihm auf, die unglückliche Nebenbuhlerin auf Schritt und Tritt zu beobachten, damit Zeus sie nicht etwa entführen und erlösen könne. So weidete die verzauberte Io die fetten Triften ab, und Argos stand in der Nähe und hütete sie; es fiel ihm nicht schwer, sie im Auge zu behalten, denn er konnte die ihm Anvertraute sehen, selbst wenn er ihr den Rücken kehrte. Nachts aber sperrte er sie in einen Stall, warf ihr bittere Kräuter und Baumlaub in die Futterraufe und bereitete ihr ein Lager von Stroh, jedoch nicht immer, mitunter musste sie auch auf dem harten Boden schlafen. Manchmal vergaß Io, dass sie kein Mensch mehr war, und wollte die Arme mitleidheischend zu dem Hundertäugigen erheben - aber da bemerkte sie voll Schmerz, dass sie ja keine Arme hatte. Auch hätte sie gerne dann und wann mit bittenden Worten sein Herz gerührt - doch statt der Worte entfuhr ihrem Munde nur ein Brüllen, so dass sie vor ihrer eigenen Stimme erschrak. Eines Tages führte Argos sie an das Gestade des Flusses, wo sie oft als Kind gespielt hatte; da sah sie zum erstenmal ihr Bild in der spiegelnden Flut, ein schweres Tierhaupt mit langen Hörnern, und bestürzt floh sie vor sich selbst. Unweit des Flusses lustwandelten ihre Schwestern, und auch der Vater war zugegen. Sehnsüchtig nahte ihm die Kuh, und König Inachos kraulte ihr die flache, krause Stirn, hinter welcher doch Menschengedanken wohnten; aber wen er da liebkoste und wessen Zunge ihm die Hände beleckte aus Dankbarkeit für ein paar grüne Blätter, die er vom nächsten Strauch gepflückt und dem schönen, sanftmütigen Rind angeboten hatte, das ahnte der Greis nicht. Erst als Io auf den Gedanken kam, mit dem Fuß Schriftzeichen in den Boden zu scharren und ihm auf diese Weise ihr grausames Schicksal mitzuteilen, brach der unglückliche Vater in Klagen und Tränen aus. Verzweifelt hängte er sich an Hörner und Nacken der stöhnenden Tochter, aber da war auch schon Argos zur Stelle und riss Io vom König hinweg. Er schleppte sie auf einsame Weiden fort, erklomm dann selbst einen nahe gelegenen Berggipfel und sah von dort mit seinen hundert Augen wachsam in alle Windrichtungen. Da aber nahte sich Hermes. Zeus hatte ihn, von Gram über das grausame Los der Geliebten verzehrt, zu sich gerufen und ihm befohlen, Argos mit List zu überwältigen und dem verhassten Wächter das Augenlicht auszulöschen. Auf seinen Flügelschuhen war Hermes zur Erde herabgeeilt. In der Nähe der abgelegenen Fluren, auf welchen Io weidete, streifte er die Schwingen von den Knöcheln, legte auch den Hut ab und schritt, nur mit seinem zauberkräftigen Stabe und einer siebenrohrigen Schilfflöte bewehrt, gänzlich einem schlichten Hirten gleichend, über die Wiesen zu Argos hin, der auf seiner Anhöhe saß und ihn schon von weitem kommen sah. "Willkommen", rief das Ungetüm, "ruhe dich bei mir auf meinem Felsen aus, behaglich rastet es sich im Schatten der dichtbelaubten Bäume, und so du ein kunstfertiger Rohrbläser bist, mag ich mir gerne von dir die Zeit vertreiben lassen!"

« zurück weiter »