Deukalion und Pyrrha
2 / 3
Auf der Stelle wurde der Nordwind Boreas samt allen anderen, die sonst die Wolken verscheuchen, in den tosenden Höhlen des Windgottes Aiolos eingeschlossen; donnernd fielen die erzenen Tore hinter ihnen zu, und nur Zephyros, der regenbringende Südwind, durfte frei umherschweifen. Mit triefenden Schwingen, triefendem Bart und Haupthaar, flog er über Wald und Wiese, Berg und Tal, pechschwarzes Dunkel verbreitend. Aus allen Weiten trieb er Wolken zusammen und fing an, sie auszupressen. Der Donner rollte, gedrängte Regenflut stürzte hernieder, stoßender Sturm beugte die Saat, geknickt lagen die Halme, vernichtet die Hoffnung des Landmannes. Alles verdarb - umsonst der Fleiß, umsonst die Mühe eines ganzen langen Jahres! Poseidon, des Weltenlenkers Bruder, kam Zeus zu Hilfe: er förderte das Zerstörungswerk mit aller Macht. Bäche und Flüsse trieb er zusammen und rief ihnen zu: "Lasst eurem Wogendrange die Zügel schießen, durchbrechet die Dämme, verschlinget die Häuser, verwüstet mit Sand und Geröll die blühende Trift und wandelt zum See die friedlichen Täler!" Die Flüsse gehorchten dem Befehl ihres Herrn, und Poseidon stieß selber den schaurigen Dreizack ins Erdreich, dass die Berge wankten und stürzten; so fanden die Fluten überall Eingang, überschwemmten das ungeschützte Land, vermuten die Felder und rissen Baum-Pflanzungen, Tempel und Häuser fort. Wo ein Steinpalast dem Wasser trotzte, bedeckten die Wellen bald seinen Giebel, und die höchsten Türme verschwanden im Strudel der Sintflut. Meer und Festland waren nicht mehr zu unterscheiden, alles war ein einziger riesiger, gestadeloser See geworden. Die Menschen suchten sich zu retten, so gut sie konnten. Die einen erkletterten hohe Berge, die anderen stiegen in Kähne und ruderten über den Dächern ihrer versunkenen Wohnstätten dahin oder über den Hügeln ihrer Weingärten: manchmal streifte der Kiel die höchsten Stöcke. Zwischen den Ästen der Wälder schwammen die Fische umher, den flüchtenden Eber erjagte die rauschende Flut, ganze Völker wurden vom Wasser dahingerafft, und wen die Welle verschonte, der starb auf unbebauten karstigen Heidegipfeln den Hungertod. Im Lande Phokis ragte ein hoher Berg mit zwei Spitzen über die allesbedeckende Meerflut empor, das war der Parnassos, der Berg der neun Musen, die dort, unerwecktem Auge verborgen, wohnten. Dorthin rettete Deukalion, der Sohn des Prometheus, sich und seine Gemahlin Pyrrha in einem Nachen, den ihm sein Vater gebaut hatte; denn Prometheus hatte das Unheil kommen gesehen und den Sohn rechtzeitig gewarnt und versorgt. Kein Mann und kein Weib auf Erden hatte je diese beiden, Deukalion und Pyrrha, an Rechtschaffenheit und Götterscheu übertroffen. Und als Zeus nun vom Himmel hinabschaute auf die von stehenden Sümpfen überschwemmte Welt und von den vielen tausendmal tausend Menschen nur mehr dieses einzige makellose Paar übrig sah, befahl er dem Aiolos, den Südwind zurückzurufen und dafür Boreas, den Nordwind, freizulassen. Der zersprengte die schwarzen Wolken und vertrieb die lastenden Nebel. Der Himmel sah die Erde, die Erde den Himmel wieder. Helios' Wagen rollte leuchtend über das gereinigte Firmament: die Sonne schien! Da legte Poseidon den Dreizack nieder und besänftigte die tobenden Wasser. Das Meer erhielt wieder Ufer, die Wälder tauchten mit schlammbedeckten Wipfeln aus der Flut, Weinhügel erhoben sich, die Flüsse traten in ihr Bett zurück, und endlich breitete sich weithin das trockene Land aus: die Erde war wieder da! Deukalion blickte um sich: nichts als Wüste und Grabesstille, so weit das Auge reichte. Tränen benetzten seine Wangen ob des Bildes, das sich ihm bot. "Geliebte, einzige Weggenossin", sprach er zu seinem Weibe Pyrrha, "so weit ich in die Länder schaue, nach allen Weltgegenden hin, kann ich keine lebende Seele entdecken. Wir zwei bilden miteinander das Volk der Erde, alle anderen hat die Flut verschlungen. Doch auch wir sind unseres Lebens noch nicht sicher: jede Wolke, die ich sehe, erschreckt meine Seele, und sollte auch alle Gefahr vorüber sein - was fangen wir Einsamen auf der verlassenen Erde an? Wie manche Künste mein Vater Prometheus mich auch

« zurück weiter »