Daidalos und Ikarus
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Daidalos wollte den Leichnam seines Neffen heimlich verscharren, wurde aber dabei entdeckt und vor dem Gericht, dem Areiopag, des Mordes angeklagt und für schuldig befunden. Es gelang dem listigen Manne jedoch, zu entweichen, und er irrte lange als Flüchtling in Attika umher. Endlich, als ihm hier der Boden zu heiß wurde, schiffte er sich ein und floh weiter, über das Meer nach der Insel Kreta, wo ihm König Minos eine Freistatt bot. Auf Kreta war Daidalos hoch angesehen. Er wurde des Königs Freund. Für des Königs Tochter, die schöne Ariadne, verfertigte er als Spielzeug eine Gruppe tanzender Figuren aus Marmor. Hier auf der Insel ward ihm auch sein lichter Sohn Ikaros geschenkt; die Mutter meldet die Sage nicht. Eines Tages aber erhielt er von König Minos den Auftrag zu einem ganz besonderen Bauwerk, das seinen Namen mehr als alles andere unsterblich machen sollte. Königin Pasiphae, die Gattin des Herrschers, eine Tochter des Helios, hatte nach dem schrecklichen Willen der Götter dem abscheulichen Minotauros das Leben geschenkt, einem Doppelwesen mit dem Haupte und den Schultern eines Stieres, im übrigen aber wie ein Mensch gebildet. "Schaff mir für dieses Ungetüm einen Aufenthalt, wo es für alle Zeit den Augen der Menschen entrückt bleibt", befahl der König, und Daidalos gehorchte. Er erbaute das berühmte Labyrinth, ein Bauwerk aus unzähligen gewundenen Irrwegen, Sackgassen und Kammern, in deren innerster das Ungetüm hausen sollte. Wie der verworrene Lauf des Flusses Maiandros in Phrygien, der bald meerwärts, bald wieder landeinwärts fließt, sich beständig selber begegnend, so gewunden und verschlungen waren auch die Gänge des Labyrinths angelegt. Als Daidalos den fertigen Bau prüfend durchschritt, hatte er selbst die größte Mühe, aus dem Irrsal zurück zur Schwelle und ins Freie zu finden. Menschenfleisch war die Speise des schrecklichen Minotauros, und nach einem alten Sühnevertrag zwischen König Minos und den mit ihm verfeindeten Athenern mussten diese alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen als Tribut nach Kreta entsenden, wo sie in das Labyrinth getrieben und vom Minotauros getötet und verzehrt wurden. Erst Theseus, der große Held, befreite seine Heimatstadt von der grässlichen Pflicht. Er drang in das Labyrinth ein, tötete den Minotauros und gelangte mit Hilfe eines Fadens, den ihm die Königstochter Ariadne aus Liebe eingehändigt hatte, glücklich ans Tageslicht zurück. Seine Retterin entführte er übers Meer. Das Gelingen dieses kühnen Abenteuers sollte jedoch für Daidalos und dessen Sohn Ikaros schlimme Folgen haben. Der König verdächtigte nämlich den Künstler, er habe Ariadne den Faden für Theseus gegeben, und drohte ihm, ihn samt seinem Knaben im verlassenen Labyrinth einzukerkern. Da wusste Daidalos, dass seines Bleibens auf dem meerumschlossenen Eiland nicht mehr länger war, und sein erfinderischer Geist sann auf Rettung. Er grübelte lange hin und her, endlich rief er seinen Sohn Ikaros zu sich und sprach in aller Heimlichkeit zu ihm: "Höre, was ich dir sage! Der König trachtet uns beiden nach dem Leben, wir müssen fliehen. Zu Fuß und zu Pferde geht es nicht, denn wir befinden uns auf einer Insel. Zu Schiffe vermag ich's nicht zu bewerkstelligen, ich habe mich hier nie um die Seefahrt gekümmert

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