Der Gang durch die Unterwelt
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Das erfuhren die Troer in einer heiter-hellen Nacht, die so sorglos stimmte, dass die Ruderer sich sämtlich unter die Bänke legten und süßestem Schlummer überließen. Palinurus, der Steuermann des Leitschiffes, stand auf dem hohen Verdeck, das Ruder in den Händen, den Blick zu den wegweisenden Sternen erhoben. Da löste sich aus dem bestirnten Himmel der Gott des Schlafes, nahte dem Steuermann in der Gestalt des Helden Phorbas und redete ihn an: "Sanft weht die Luft, willst du dir da nicht endlich auch ein Stündlein Ruhe gönnen? Lege dein Haupt nieder, lass die ermüdeten Augen ausruhen, ich will inzwischen dein Amt übernehmen." Verwundert entgegnete Palinurus: "Was sagst du? Ich soll dem tückischen Element trauen, weil es einmal ein wenig Ruhe heuchelt? Nie und nimmer!" Und er umklammerte das Steuerruder nur um so fester und zwang sich, die Augen offenzuhaltend und nach den Sternen zu richten. Der Schlafgott aber träufelte ihm mit einem Zweig ein paar Tropfen vom Wasser des Letheflusses auf die Schläfe, da fielen dem Steuermann die Lider zu. Nun gab er dem Schlummernden einen geringen Stoß, und Palinurus stürzte mitsamt dem Ruder, das er noch immer umklammert hielt, kopfüber in die Wellen. Wie ein Vogel erhob sich der Schlafgott in die Luft. Der arme Steuermann aber erwachte in den Wogen und rief umsonst die Gefährten um Hilfe an. Es hörte ihn keiner. Nach einiger Zeit merkte Aeneas am Irrgang des Schiffes, was geschehen war. Nun lenkte er selbst den Kiel durch die nächtigen Wellen und beklagte wunden Herzens das Verhängnis, dem der Freund erlegen war. "O du", rief er, "der du dem heiteren Himmel und dem milden Meer zu arglos vertrautest, an fremdem Gestade wirst du unbestattet liegen, Palinurus, und ich kann dir der Liebe letzten Dienst nicht erweisen!" Tränenüberströmten Gesichtes steuerte der Held die Flotte mit sicherer Hand die ganze Nacht hindurch, bis sich im Morgengrauen endlich die Küste Italiens zeigte. Es war der Strand von Cumae, wo Deïphobe, die göttliche Sibylle, in heiliger Grotte hinter einem Tempelhain der Hekate hauste. Seewärts kehrten sie die Schnäbel der Schiffe, senkten die Anker zum Grund, und bald säumten die bauchigen Rümpfe das eingebuchtete Gestade. Voll Eifer sprangen die Männer, voran die jüngeren, ans Land, suchten nach Kieselsteinen, um daraus Feuer zu schlagen, oder durchspürten den Wald nach jagdbarem Getier und nach süßen Quellen. Aeneas aber strebte hinan zur Höhle, wo sich die riesige Grotte der Sibylle befand. Von schaurigen Geheimnissen war die Seherin umwittert, Apollon hatte ihr die Kraft verliehen, das Künftige zu entschleiern. Und schon betrat Aeneas den Hain der Hekate und stand vor dem goldenen Tempel inmitten der Bäume. Daidalos, so geht die Sage, soll ihn gebaut haben, als er nach einem kühnen Flug mit den selbstverfertigten Schwingen, der ihn bis in die frostige Region des Großen und Kleinen Bären geführt hatte, hier wiederum zur Erde herabsank.

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