Der Bau dieser Stadt entzweite die Brüder. Sie wollten sich in die Herrschaft teilen, aber sie konnten sich nicht darüber einigen, ob unter den umliegenden sieben Hügeln der Palatinus oder der Aventinus für die Neugründung geeigneter wäre und welchen Namen die Stadt haben sollte. Ein Vogelorakel, von den Göttern gesendet, entschied gegen Remus, und so musste dieser weichen. Unverzüglich steckte Romulus die Grenzen der neuen Stadt ab. Ein Pflug zog rings um den Hügel eine Furche, und in dieser errichtete man die erste niedrige Mauer zu notdürftigem Schutz. Remus aber, der den Arbeiten hohnlachend zusah, sprang mit leichter Mühe über die Mauer hinweg. "Fürwahr, ein trefflicher Schutz!" spottete er und wollte sich zu seinen Hirten und Jägern begeben, um mit ihnen, wie vordem, frei und ungebunden durch die Wälder und Fluren zu schweifen, unter der Götter freiem Himmel. Romulus aber setzte ihm nach und erschlug ihn mit dem Schwert, wie Kain den Abel erschlug. Dann stieß er die blutige Klinge in den Boden und rief seinen Mannen, die dem grausigen Schauspiel entsetzt beigewohnt hatten, zu: "So soll es jedem ergehen, der es wagt, diese Mauern zu übersteigen! Blutbande gelten nichts mehr - der Staat ist alles!"
Dies geschah um das Jahr 747 vor Christi Geburt: Die Sternenstunde für die Gründung Roms hatte geschlagen. Um die Stadt zu bevölkern, errichtete Romulus in ihr ein Asyl, das allerlei Flüchtlinge und lichtscheues Gesindel aufnahm: entlaufene Sklaven, Bettler, Schuldner, Wegelagerer, Diebe und Mörder. Durch harte Gesetze hielt er diesen Haufen heimatloser, entwurzelter Männer in Zaum und Zucht; die Frauen raubte man bei den benachbarten Sabinern.
So entstand die künftige Hauptstadt eines Weltreiches, in dem jeder, gleichgültig, aus welchem Volk und welcher Rasse er stammte, Heimat- und Bürgerrecht erwerben konnte.
König Romulus starb keinen gewöhnlichen Tod. Eines Tages, als er gerade seine Truppen musterte, brach ein fürchterliches Unwetter los, und unter Blitz und Donner wurde er in den Himmel entrückt. Sein Volk verehrte ihn fortan als Gottheit und opferte ihm auf den Altären.