Von Troia nach Italien
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So war Aeneas zum Anführer der Flüchtlinge erwählt worden. Schon am anderen Morgen musterte er die waffenfähigen Männer und bildete aus ihnen eine Schutztruppe. Hierauf befahl er den Bau einer kleinen Flotte. Unverzüglich wurden Bäume gefällt, Schiffe gezimmert, die alten Fahrzeuge, die in dem kleinen Hafen lagen, beschlagnahmt und ausgebessert. Als es Frühling wurde, konnte man unter Segel gehen. Der älteste Troer, der sich unter den Auswanderern befand, der weißhaarige Held Anchises, gab das Zeichen zum Aufbruch und sagte als erster seinem unterjochten Geburtsland ein ewiges Lebewohl. Die Taue wurden gelöst, die Segel gehisst, im Takte schlugen die Ruder das bewegte Wasser. Weinen und Wehklagen ertönte auf den Schiffen, als die Vertriebenen sich so von der Heimaterde losrissen, und bald war die Küste den Blicken der Flüchtlinge entschwunden.
Nach einer Fahrt von mehreren Tagen landete die Flotte an der Küste Thrakiens, das einst mit Troia verbündet war. Doch diese Freundschaft war zur Zeit des zehnjährigen Krieges durch einen grässlichen Treuebruch zerstört worden. Polymnestor, der König des Landes, hatte Priamos' Sohn, den jungen Polydoros, an den schrecklichen Griechenhelden Aias ausgeliefert, als dieser mit seinen Kriegern einen Streifzug nach Thrakien unternahm, und sich damit Frieden erkauft. Der Jüngling aber wurde unter den Mauern des belagerten Troia vor den Augen seines unglücklichen alten Vaters gesteinigt.
Wohl hatte Aeneas diese Freveltat miterlebt, aber dass er nun mit seinen Schiffen in Thrakien gelandet war, wusste er nicht. Er freute sich, eine bewohnte Küste erreicht zu haben, und legte sogleich den Grund zu einer neuen Stadt, in der er mit den geflohenen Troern fürder wohnen wollte. Hier hofften sie alle, sich von den Schlägen des Schicksals erholen zu können, zumal ihnen die Eingeborenen freundlich entgegenkamen.
Der Bau der Stadt ging rüstig voran, und Aeneas wollte den Segen der Götter auf die wachsenden Mauern herabfielen. Also ließ er aus schweren Rasenstücken behelfsmäßige Altäre errichten und opferte am Gestade dem Göttervater Jupiter und auch seiner eigenen Mutter Venus einen makellosen Stier. Unweit von der Opferstelle erhob sich ein Hügel, von Myrtengesträuch und Kornellen üppig überwuchert. Nach diesem Wäldchen begab sich der Held; er wollte belaubte Zweige pflücken und damit die frischen Altäre bedecken. Aber, o grausiges Wunder! Sobald er ein Ästchen abbrach, entquollen dem Bäumchen dunkle Blutstropfen. Schaudernd wandte er sich ab und wollte ein anderes mit der Wurzel ausreißen; aber da floss auf einmal Blut aus dem grünen Waldboden. Entsetzt fuhr Aeneas zurück, dann warf er sich angstvoll auf die Erde und betete zu den Nymphen und zu Bakchos, dem Schutzgott der thrakischen Fluren: "O wendet das Unheil von mir ab, das mir dies schreckliche Zeichen androht!" Nun griff er mit erneuter Kraft nach einem dritten Bäumchen. Das Knie gegen den Boden gestemmt, versuchte er, es zu entwurzeln.
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