Beim Sauhirten
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Während der Hirt so sprach, aß Odysseus hastig das Fleisch und trank den Wein in raschen Zügen, wortlos tat er es. Nicht beim Mahle weilten seine Gedanken, sein Geist sann einzig auf Rache, die er an den Freiem nehmen wollte. Als ihm der Hirt den Becher zum andernmal füllte, trank er ihm freundlich zu und bat: "Beschreibe mir doch deinen Herrn genauer, lieber Freund, vielleicht bin ich ihm irgendwo begegnet? Ich bin weit in der Fremde herumgekommen."
Doch der Sauhirt winkte ab und sprach: "Meinst du, wir würden einem umherirrenden Manne glauben, der uns von unserem Herrn etwas erzählt? Zu oft schon kamen Landfahrer zu meiner guten Herrin und ihrem Sohn, rührten sie mit allerlei Märchen über unsern König zu Tränen, bis man ihnen Mantel und Leibrock reichte und sie wohl bewirtete. Nein, meinem Herrn haben gewiss Hunde und Vögel schon längst das Fleisch von den Knochen gerissen, oder die Fische haben es gefressen, und die blanken Gebeine bleichen irgendwo am Kieselstrande. Ach, nimmermehr kriege ich einen so gütigen Herrn! Wenn ich an ihn denke, so denke ich nicht wie an einen Gebieter, sondern wie ein Bruder steht er vor meiner Seele."
"Nun, mein Lieber", entgegnete ihm Odysseus, "weil du so ungläubig bist, versichere ich dir mit einem Eidschwur: Odysseus kehrt heim! Meinen Lohn für die Botschaft, Mantel und Leibrock, will ich erst haben, wenn er da ist, aber ich schwöre dir beim Zeus, bei deinem gastlichen Tisch und beim heiligen Herd deines Herrn: Wenn dieser Monat abgelaufen ist, wird er eintreten in sein Haus und die Frechen furchtbar züchtigen, die es wagen, sein Weib und seinen Sohn zu bedrängen!"
Eumaios hörte diese Worte wohl, aber er schüttelte verzagt sein Haupt. "Trinke ruhig deinen Wein", sagte er, "und lass uns von anderem sprechen. Für Odysseus erhoffe ich nichts mehr, und Telemachos, sein Sohn, schafft mir bittere Sorge: Ein Gott oder ein Mensch hat ihm den Sinn betört, dass er gen Pylos fuhr, um nach dem Vater zu forschen. Jetzt liegen die Freier zu Schiff in einem Hinterhalt, sie lauern ihm auf und werden mit ihm den Letzten aus
Odysseus' uraltem Stamm vertilgen... Doch nun, Greis, erzähle mir von deinen eigenen Leiden. Wer bist du? Was führte dich nach Ithaka?"
Auf der Stelle ersann Odysseus ein langes Märchen und erzählte dem lauschenden Hirten er sei der verarmte Sohn eines reichen Mannes aus Kreta, habe vor Troja mitgefochten, habe den Odysseus kannengelernt und auf mancherlei abenteuerlichen Irrfahrten immer wieder, bald da, bald dort, von ihm gehört.
Eumaios hörte ihm teilnahmsvoll zu, doch für alles, was ihm der Fremdling von seinem lieben Herrn zu berichten wusste, hatte er nur ein wehmütiges Kopfschütteln. Als es Nacht geworden war, bereitete er seinem Gast neben dem Herd ein warmes Lager aus Schafpelzen und Ziegenhäuten und deckte ihn mit einem großen, dicken Mantel zu, den er sonst bei heftigem Wintersturm selber zu tragen pflegte. Hierauf bewaffnete er sich mit einem scharfen Spieß und legte sich draußen bei den Schweinekoben zur Ruhe nieder, von einem Felsstück gegen den schneidenden Nordwind geschützt. Er musste zur Hand sein, wenn es etwa galt, die kostbaren Tiere gegen nächtliche Überfälle, gegen Diebe oder Wölfe, zu verteidigen.
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