Die Zauberin Kirke
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Auf dem einzigen Schiffe zusammengedrängt, fuhren wir weiter und kamen wieder an eine Insel, Aiaia genannt, auf welcher eine wunderschöne Halbgöttin und Zauberin wohnte. Sie hieß Kirke und war eine Tochter des Sonnengottes. Auf der Insel hatte sie einen herrlichen Palast; aber wir wussten nichts von ihr. Wir gingen in einer Bucht vor Anker und lagerten uns traurig im Ufergras. Am anderen Morgen machte ich mich, mit Schwert und Lanze bewaffnet, auf den Weg, um die Insel zu erkunden. Ober den Bäumen sah ich Rauch aufsteigen, der kam aus Kirkes Palast. Ich ging aber, durch die überstandenen Gefahren gewitzigt, nicht sogleich darauf zu, sondern kehrte zum Lager zurück und sandte zwanzig Gefährten unter der Führung des erprobten Eurylochos als Späher voraus. Die mutige Schar fand bald, in einem anmutigen Tale versteckt, den Palast der Göttin und Zauberin; er war aus herrlichen behauenen Steinen aufgeführt. Wie staunten die Genossen, als sie in der Umzäunung des Hofes und vor dem Tor des Wohnhauses Bergwölfe mit spitzem Gebiss und Löwen mit zottigen Mähnen umherstreichen sahen. Angstvoll blickten sie auf die grässlichen Tiere und wollten sogleich von dem unheimlichen Orte fliehen. Aber ehe sie sich retten konnten, waren sie bereits von den Bestien umringt; freundlich und schmeichelnd wie Hunde, die ihrem Herrn entgegenkommen, der ihnen einen guten Bissen mitbringt, so nahten sie den Männern, wedelten auch mit den Schweifen und taten ihnen nichts zuleide. Es waren, wie wir später erfuhren, lauter von Kirke in Tiere verwandelte Menschen. Nun fassten sich die Freunde ein Herz und näherten sich der Pforte. Da hörten sie aus dem Inneren des Hauses einen wundervollen Gesang an ihr Ohr dringen, und als der Held Polites, der meinem Herzen besonders nahestand, als erster die Schwelle überschritt und in den Saal spähte, sah er die Zauberin am Webstuhl sitzen. Sie saß über einem kunstreichen Gewebe, wie es nur Göttinnen zu wirken verstehen, und sang zu ihrer Arbeit. Nun riefen die Gefährten die schöne Bewohnerin heraus, und Kirke erschien sogleich an der Pforte und nötigte alle Ankömmlinge herein. Die Freunde folgten ihrer Einladung, nur Eurylochos, der ein besonnener Mann war und hinter der holdseligen Erscheinung irgendeinen Betrug witterte, blieb vor dem Palast zurück. Die anderen aber nahmen in Kirkes Haus auf hohen, verzierten Sesseln Platz und wurden mit dem köstlichen Kuchen bewirtet, den die Zauberin aus Käse, Mehl, Honig und starkem pramnischen Wein, dessen schwere Trauben auf den Hängen des Berges Pramne auf der Insel Ikaria gedeihen, vor ihren Augen knetete. Sie mischte aber während dieser Arbeit unheilbringende Säfte heimlich in den Teig, und als die Männer von der verführerischen Speise gekostet hatten, verwandelten sie sich in borstige Schweine, verloren die Gabe menschlicher Rede, fingen an zu grunzen und wurden von Kirke samt und sonders in den Koben hinter dem Hause getrieben. Dort fütterte sie die Armen, statt mit leckeren Bissen, mit Steineicheln und herben Kornelkirschen wie andere Schweine.

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